Interview Anselm V. Nehls


Das Gespräch mit Anselm V. Nehls fand am 21. Mai 2012 im Berliner Hauptstadtstudio statt. Gegenstand des Gesprächs ist die Arbeit #tweetscapes.


Interview & Abschrift: Björn Gottstein



Tweetscapes hat mit Twitter zu tun. Wie hängt das zusammen?


Was bei tweetscapes passiert, ist, dass wir sämtliche deutsche Twitternachrichten in Echtzeit in Klänge umwandeln. Das heißt was passiert, ist, jedesmal wenn in Deutschland jemand eine Twitternachricht abschickt, auf tweetscapes ein Klangereignis ausgelöst wird. Das ganze läuft 24 Stunden am Tag, das heißt auf tweetscapes.de, auf der Website, kann man jederzeit reinhören und bekommt dadurch ein bisschen mit, wie die Stimmung auf Twitter ist. Wird gerade viel getwittert, wird wenig getwittert, aber auch wird gerade über ein bestimmtes Thema besonders viel geredet oder verstreut sich der Dialog eher so.


Ein bestimmtes Thema? Jedes Thema hat einen eigenen Klang?


Wenn jemand eine Twitternachricht abschickt, überprüfen wir, ob diese Nachricht einem bestimmten Thema zugeordnet ist. Das funktioniert so, dass Twitter-User, also Leute, die Twitter benutzen, häufig ihren Tweets, also ihren Twitter-Nachrichten, so genannte Hashtags zuordnen, das heißt das sind so was ähnliches wie Schlagworte. Also man gibt einen Kommentar zum Tagesgeschehen ab und dann verschlagwortet man das direkt, weil man auf Twitter ja nur sehr wenig Platz hat auf den einzelnen Updates, damit man, ohne viel Platz zu verschwenden, sagen kann, ich rede jetzt über das folgende Thema. Also: die Piraten oder den Bundespräsidenten oder Röttgen oder wie auch immer ...


... Schönefeld ...


... oder Schönefeld. (lacht) Wir gucken dann, welchem Schlagwort wurde das zugeordnet oder welchen mehreren Schlagworten, und dann wird jedem Schlagwort algorithmisch ein bestimmter Klang zugewiesen. Das heißt der Computer, aus den Buchstaben dieses Wortes, errechnet der bestimmte Einstellungen eines virtuellen Synthesizers und der generiert dann einen bestimmten Sound, den wir uns vorher nicht ausgedacht haben, sondern der immer wieder wiederholbar hergestellt wird, aber halt nur auf der Basis von diesem Algorithmus und nicht auf der Basis von menschlichen Entscheidungen. Das heißt aber ich höre den Sound am nächsten Tag wieder und weiß, aha, da redet wieder jemand übers gleiche Thema. Und wenn ich jeden Sonntagabend den gleichen Sound höre, dann merke ich irgendwann, Moment, die Leute reden am Sonntagabend immer wieder über das gleiche Thema. Und wenn ich dann gleichzeitig auf die Visualisierung schaue, die es dazu ja auch gibt, dann sehe ich auch welches Thema das ist und das ist der Tatort.


Was für ein Synthesizer ist das? Was für ein Syntheseverfahren?


Wir benutzen Granularsynthese aus dem einfachen Grund, weil mir einfach ein sehr lebendiges, sehr vielfältiges Klangbild vorschwebt, von Anfang an, und ich bin auch Granularsynthesefan (lacht), also ich mag einfach die Klanglichkeit, die da entsteht. Viele Leute haben, ich habe viel Feedback bekommen zum Thema tweetscapes, dass das ein bisschen spooky und gruselig und nach Horrormovie klingt, das liegt natürlich daran, dass diese Art der Synthese nun einmal mit einem bestimmten klanglichen Klischee verbunden ist. Aber vom Prinzip her ist es einfach eine Syntheseform, die, wie ich finde, sehr vielfältige, lebendige, bunte Klänge zulässt.


Die aber eben auch eine bestimme Atmosphäre herstellen.


Na klar. Die Atmosphäre wird schon in eine bestimmte Richtung gedrückt. Aber das ist eine ästhetische Frage. Mir gefällt die Art von Ästhetik halt.


Was wird denn granuliert?


Ohne jetzt zu viel verraten zu wollen, wir haben einfach eine riesige Library an Samples, x Gigabyte, aus denen winzigste Teilchen rausgelesen werden, die dann wiederum in ihrer Länge, in ihrer Tonhöhe, in der Art wie es ausgelesen wird, auch noch mal komplett algorithmisch bestimmt werden, sodass man effektiv nicht mehr auf das ursprüngliche Material zurückschließen kann, zumindest meistens nicht. Manchmal gibt es dann Fall, dass ein Sample wiedererkennbar ist, zum Beispiel wenn jemand über die Piraten twittert, klingt das nach Kuckuck. Das liegt einfach daran, dass es tatsächlich ein Kuckuck ist, in irgendeinem Waldszenario, wo wir ein Sample genommen haben, anscheinend ein Kuckuck vorkam. Und jetzt ist der halt da.


Wie seid ihr auf die Idee gekommen? Das bist du nicht allein oder?


Das ganze ist schon auf meinem Mist gewachsen, in dem Sinne dass ich die Idee und auch das Konzept mir überlegt habe und auch die ganze Audioseite programmiert habe, aber dieses ganze Projekt ursprünglich durchzuführen, ging erst mal vom Deutschlandradio aus. Also als grundsätzliche Idee. Die hatten die Idee zu einer neuen Sendereihe namens Sonarisationen, wo einfach in regelmäßigen Abständen Daten mit einem künstlerischen Anspruch in Klang umgewandelt werden. Also eigentlich Sonifikation, haben sie sich halt ein neues Wort für ausgedacht, damit es ein bisschen klarer wird, hier findet Kunst statt. Und dann, das ist ein bisschen eine komplizierte Geschichte, traten die an meinen Studiengang heran, Sound Studies habe ich da noch studiert, jetzt bin ich fertig mittlerweile, an der Universität der Künste in Berlin. Und da ging es darum, dass sie nach Ideen gesucht haben, was könnte man denn eigentlich in Klänge umwandeln, und auch natürlich nach Leuten, die das mit einem gewissen ästhetischen Anspruch auch umsetzen wollen würden. Und dann hatte ich die Idee, Twitter zu machen, weil ich dachte, OK, wir machen das im Radio und wir haben Sendeformate, wo man flexibel rein und wieder raus muss. Die Länge ist nie klar von diesen Sendeplätzen, da dachte ich mir, das macht ja überhaupt keinen Sinn, Daten zu sonifizieren, wo man einen festen Datensatz hat, also ein Anfang und ein Ende. Und dann weil ich auch mit Social Web beschäftigt habe, weil ich auch mal in dem Feld gearbeitet habe, hatte ich dann die Idee, machen wir doch was mit interaktiver Twitterkomposition, weil Twitter nun mal die ganze Zeit stattfindet und man einfach sagen kann, ich höre da jetzt mal rein und dann gehe ich auch wieder raus, und das ist in Echtzeit. Und das fand ich spannend, so was mal im Radio zu machen. Mal zu sagen, wir senden live aus dem Internet im Radio. Und man kann jetzt auch im Internet interagieren. Indem man im Internet etwas tut, kann live beeinflussen, was im Radio gesendet wird. Fand ich einen spannenden Ansatz, und das hat dann ja auch ganz gut funktioniert.


Stimmt. Warst du überrascht vom Ergebnis?


Ja, ich war am Anfang doch eher überrascht. Als ich die ersten Versuche gemacht habe, war ich überrascht, weil ich mir das ganz anders vorgestellt hatte. Von den Frequenzen her war ich einerseits überrascht, dass so wenig stattfindet, andererseits auch dass so viel stattfindet. Es war ja nicht absehbar, dass das funktionieren würde überhaupt. Das war ja so ein bisschen: holen wir uns mal die Daten, schauen wir mal was passiert. Ich habe nicht wirklich dran geglaubt, dass das so gut funktioniert, auch dass man die Themen hören kann. Ich dachte, OK, ich selbst folge auf Twitter einer bestimmten Art Leute und deshalb sehe ich, dass bestimmte Themen hochkochen und so. Ich dachte, dass lässt sich sicher nicht auf ganz Deutschland anwenden. Pustekuchen. Geht hervorragend. Man hört sofort, wenn die Piraten ihren Parteitag veranstalten. Oder wenn die re:publica, die Bloggermesse, wenn die stattfindet, ist die komplette Soundscape dominiert von diesem einen Thema. Oder halt Fernsehsendungen, das vereint Deutschland dann halt doch immer noch. Tatort, Domian, das sind immer die Hits.


Es scheint genau richtig viel zu passieren.


Stimmt.


Mal was ganz Bildungsbürgerlich-Doofes: Es gibt bei Ovid das "Haus der Fama", der Ort wo alle Gerüchte der Welt zusammen kommen. Das hat aber keine Rolle gespielt?


Das finde ich einen total spannenden Gedanken. Aber das hat keine Rolle gespielt.


Habt ihr Feedback bekommen? Gibt es eine Vorstellung davon, wie das benutzt wird?


Das ist wirklich komplett unterschiedlich. Ich kriege alles mit, was darüber gesprochen wird, weil wenn jemand darüber twittert, kann ich mir das im Internet direkt angucken. Das ist ein sehr praktischer Rückkanal, der sich da auftut. Dementsprechend sehe ich auch, wenn da jemand drüber redet und sehe solche Sachen, wie dass Leute sich beschweren, dass tweetscapes heute nicht so gut klingt wie gestern. Oder Blinde finden das spannend. Es gibt eine ganze Clique von Blinden, die da sich auch nachts um drei drüber unterhalten und versuchen, ihren eigenen Hashtag zu hören und zu vergleichen und zu gucken, wie die einzelnen Sachen klingen. Also ich glaube, das ist eine spannende Sache für besonders audiophile Leute, und na ja, Blinde sind von Natur aus besonders audiophil. Insofern ist das ein ganz schönes Spielzeug für die, aber auch für jede Menge andere Leute. Ich habe auch von anderen Nutzern gehört, dass die einfach tweetscapes, auf einen zweiten Monitor geschoben, einfach mitlaufen lassen. Und das war ja auch so ein bisschen das Ziel von dieser Klangästhetik, dass man sagt, man versucht Klänge zu schaffen, die nicht nur aussagekräftig sind, sondern die auch so funktionieren, dass man sie gerne im Hintergrund laufen lässt als Soundscape. Dass ich das organisch-angenehm in die Atmosphäre einfügen kann und dass man trotzdem unterbewusst mitbekommt, wenn was passiert, aber das man nicht von den Fieptönen genervt wird, die vielleicht wahnsinnig aussagekräftig sind, aber sich nicht wirklich einfügen.


War das viel Arbeit? War es schwer, an die Daten zu kommen?


Das war schon eine ganze Ecke Arbeit, das zu realisieren. Die Probleme entstanden immer an Ecken, wo man sie nicht erwartet hätte. An die Daten ranzukommen, erstmal prinzipiell kein Problem, aber dann genau an die Daten, die man gerne hätte, das ist dann wieder ein Problem. Nicht weil die nicht rausgerückt werden würden, sondern weil es gibt einfach die Abfrage nicht bei Twitter, die wir brauchen. Es gibt nicht: "Gib mir alle Tweets aus Deutschland". Sondern du kannst nach Keywords suchen, also nach Schlagworten, oder auf der Basis von Geolocation, also auf der Basis von Koordinaten, die jemand angegeben hat, wenn er seinen Tweet abgeschickt hat. Das machen aber nicht alle, sondern eigentlich nur ungefähr 10 Prozent oder weniger sogar. Das heißt, wir wollten auch noch die anderen, das heißt du musst mühselig Abfragen bauen und versuchen auf der Basis von Wortlisten und von Herkunftsorten usw. abzufummeln, welche Tweets wir überhaupt abgreifen, um ungefähr Deutschland abzubilden. Und da gab es schon ein paar komplizierte Stellen.