Interview mit Sofia Gubaidulina


Das Gespräch mit Sofia Gubaidulina fand anlässlich der Uraufführung ihres Stückes sotto voce bei den "Festspielen Europäische Wochen Passau" am 24. Mai 2010 in Salzburg statt. Die Festspiele standen 2010 unter dem Motto "Frauengestalten - Frauen gestalten". 


Interview & Abschrift: Carlo Mertens



Frau Gubaidulina, gibt es unter Ihren Freunden viele Komponistinnen?


Ja, ich habe viele Komponistinnen kennen gelernt und bin mit ihnen befreundet. Zum Beispiel Jelena Firsova. Sie lebt in London und ist eine sehr begabte russische Komponistin. In Tschechien bin ich mit Ivana Loudová befreundet. Sie ist wirklich eine großartige Komponistin und in Deutschland mit Adriana Hölszky. Aber auch mit Komponisten aus meiner Generation bin ich sehr befreundet, beispielsweise mit Arvo Pärt. Geschlecht, Herkunft und Alter spielen für meine Freundschaften keine Rolle.


Sind darunter auch Künstlerinnen, die zu den "Festspielen Europäische Wochen Passau" kommen?


Die Komponistinnen, die nach Passau kommen, kenne ich leider noch nicht.


Und ich dachte, dass Komponistinnen als Minderheit im Musikbetrieb eine eingeschworene Gemeinschaft darstellen würden.


Oh, das ist nicht der Fall. Das Zusammentreffen ist ganz zufällig. Die Organisatoren wählen die Komponistinnen aus unterschiedlichen Nationen aus. Dann bekommen wir alle Aufträge. Aber vielleicht entstehen ja durch das Festival Bekanntschaften.


Glauben Sie, dass sich die Komponistinnen durch Netzwerke gegenseitig mehr helfen könnten?


Die Netzwerke scheinen mit in jedem Land, in dem ich gelebt habe, verschieden. Mit scheint es, dass gerade russische Komponisten mehr befreundet sind und sich gegenseitig mehr helfen, mehr als in allen anderen Ländern. Ich habe bemerkt, dass deutsche Komponisten sehr zurückgezogen leben und nicht besonders viel Kontakt zueinander haben. In Moskau hingegen hatten wir tiefste Freundschaften mit anderen Komponisten.


Denken Sie, dass Komponistinnen speziell gefördert werden sollten?


Klassische Musik an sich sollte gefördert werden. Früher habe ich auch gedacht, dass vor allem Frauen gefördert werden müssten. Aber heute existiert die Gefahr, dass Kunstmusik in der Öffentlichkeit keine Rolle mehr spielt. Dass der Kulturbetrieb zu kommerziell wird und die Ernsthaftigkeit der Kunst verschwindet.


Ihre Komposition sotto voce ist für zwei Gitarren, eine Viola und einen Kontrabass. Was hat es mit der ungewöhnlichen Besetzung auf sich?


Für mich ist die Instrumentalbesetzung sehr faszinierend. Ich habe mich dem Ensemble Mobile mein Werk pensimento geprobt und war von den klanglichen Möglichkeiten dieser Kombination sehr fasziniert, speziell von der dunklen Farbe.


Aber es ist doch auch schwierig, wenn sie kein Instrument einsetzten können, das starke Kontraste in der Klangfarbe erlaubt.


Ja, das war schwierig, aber die Faszination ist davon nicht berührt. Aus der Gitarre kann man sehr dunkle "irrationale" Klangfarben herausholen. Wenn der Interpret den Klang entlang der drei tiefsten Seiten führt, entstehen schwer zu definierende Töne, die nicht mit der modernen Stimmung zusammenfallen, fast Flageoletttöne. Bei ein bisschen mehr Druck entsteht ein ganz anderer Ton. So ergibt sich ein glissandierender Raum von höchster Expressivität. Die "flüsternde Halbstimmigkeit" des Titels bezieht sich auf eben diese changierenden Töne. Die Grundkonzeption des Werkes ist dabei der Kontrast zwischen der "Halbstimmigkeit" und der Reaktion auf diese, eine große Expressivität, ja sogar Aggressivität. Ein Thema aus Quartenschritten eröffnet allmählich dieses Geheimnis. Das Werk hat diese Konzeption.


Wie erforschen Sie die Klänge der Instrumente?


Das Ensemble hat mir eine Gitarre geschenkt. Ich benutze die Gitarre als Gegenstand. Das Werk besteht aus sechs Teilen. Dunkelheit und große Expressivität, ja sogar Aggressivität treten darin auf. Das sind meine Kontrastwelten des Klangs.


Es ist auffällig, dass Sie Ihren Werken Titel geben, die starke, formale Vorstellungen evozieren, wie beispielsweise Sonate oder Oratorium.


Ich glaube, heutzutage denken alle Komponisten in verschiedenen Formen. Alte Formen kann man benutzen, aber sie passen nicht zur neuen klanglichen Substanz. Beispielsweise passt die Sonatenform nicht sehr gut zu meinen Klangexperimenten. Die Formen wiederum hängen mit der Außenwelt zusammen. Das Werk trägt den Titel: Sonate. Aber es ist formal keine Sonate. Es könnte auch Symphonie heißen. Die Zukunft ist ungewiss. Wir haben keine klaren Antworten. Die Frage nach dem Sinn des Werkes passt nicht zur psychologischen Situation unserer Zeit. Niemand kennt die Wirklichkeit. Wir haben nur noch Fragen. Beethoven konnte sagen: Das muss so sagen. Er war davon überzeugt, die Antwort zu wissen. Die neue klangliche Situation gibt einem nicht diese Möglichkeit.


Sie stammen aus einer russisch-tatarischen Familie. Welche Rolle spielt die asiatische Kultur in ihrem Werk?


Meine Art mit den Klängen zu experimentieren ist universell. Sie ist nicht von Asiatischem oder Westlichem geprägt. Es sind Kompositionen, die in eine andere Richtung gehen. Es ist ein absolut anderer Weg als der äußerlich Nationale. Es ist ein nach innen gerichtete Konzeption: Das Innere des Klangs, des Rhythmus und der Form. Das Instrumentarium in meinen Kompositionen kann sehr unterschiedlich sein. Die Komposition Im Schatten des Baumes ist zum Beispiel ein Werk für sieben Kotos, hat aber an sich thematisch nichts mit Ostasien zu tun.


Neben dem Universellen spielt ja auch die Religion in ihrem Werk eine wichtige Rolle. Sehen Sie da vielleicht eine Beziehung zwischen dem zuvor von Ihnen konstatierten "Verschwinden der Ernsthaftigkeit" und der Säkularisierung?


Ja, ich glaube, da gibt es einen Zusammenhang. Innerlich fühle ich, dass die Menschheit zu viel verloren hat durch die Säkularisierung. Besonders die Kunst. Kunst kann ohne Spiritualität nicht existieren, nur noch als Unterhaltungskunst.


Ich danke Ihnen für das Gespräch.