Das Gespräch mit Bettina Junge und Ernst Surberg über das ensemble mosaik fand am 13. März in den Berliner Proberäumen des Ensembles statt. Interview
& Abschrift: Björn Gottstein Wann
wurde das Ensemble gegründet, von wem und warum? ES
1997, von insgesamt 10 Personen. Soll ich die jetzt alle nennen? Nein.
Aber in welchem Zusammenhang? Das ging aus der Hochschule hervor? ES
Das ging größtenteils aus der Hochschule hervor, und
die Musiker, die das Ensemble gegründet haben, waren auch
meistenteils von der UdK, teilweise auch Absolventen der UdK, also
das trifft auf mich zu, ich war da schon raus aus der Hochschule und
bin dann über einen Umweg wieder reingekommen, über Walter
Zimmermann, mit Konzerttätigkeit in Berlin, und die anderen
waren alle noch Studierende, oder? BJ
Das waren hauptsächlich Studenten, die sich im Zusammenhang mit
Neue-Musik-Projekten an der UdK getroffen haben. Das waren dann doch
immer dieselben, die sich getroffen haben. Und einige waren schon
fertig und wollten diesen Weg weitergehen, und andere waren noch in
der UdK, aber vor allem waren auch einige Komponisten am Anfang
dabei, die nicht direkt Mitglieder waren, aber doch mitgewirkt haben
bei der Gründung. Georgios [Sfiridis] war auch Mitglied, Wassily
Kokkas war noch mit dabei, ganz stark war natürlich auch Walter
Zimmermann.
Waren
Orm [Finnendahl] und Enno [Poppe] auch von Anfang an dabei? ES
Enno, nein.
BJ
Enno, nein, und Orm eigentlich auch erst als Institutsleiter und das
war kurze Zeit später.
ES
Eines unserer ersten oder das erste Porträtkonzert, das wir
einem Komponisten gewidmet haben, war Orm Finnendahl gewidmet. Es
gab schon Ensembles in Berlin. Das KNM, United Berlin ... ES
... gab es, work in progress gab es auch ... ...
Zwischentöne. Hattet ihr das Gefühl, da fehlt was, oder
habt ihr nur einen Rahmen gesucht, innerhalb dessen ihr aktiv werden
könnt. ES
Eher von innen heraus, also um den eigenen Interessen eine Basis zu
bieten, ohne anderen Leuten hinterher laufen zu wollen.
Wenn
man für ein anderes Ensemble arbeiten würde, wären es
eben nur Muggen.
ES
Genau, das wäre muggenmäßig. Und der Unterschied ist
einfach der, wenn man als externer Musiker muggt, wird man für
seine Leistung eingekauft, und nur um die geht es. Während wenn
man eine Band gründet oder ein Ensemble gründet, dann tut
man das als Person. Mit Projekten und Zielen dabei. Mit allem was
dazu gehört. Mit Programmgestaltung. Rein formal jetzt, aber
auch mehr als ganzer Mensch eben. Den Unterschied spürt man
auch, wenn man irgendwo hinkommt und soll nur spielen ... Später,
wenn man selbstbewusster ist, glaube ich, dann ist man auch in der
Lage, sich auch bei einer Mugge mehr einzubringen in diese Gruppe,
als Künstler, in dieser Künstlerrolle, die noch mehr
auszufahren. Allerdings ist das stark von der Erfahrung abhängig,
wie man das macht, ohne anderen Leuten auf die Füße zu
treten. Am Anfang ist man ja total schüchtern, und da ist das
total entgegenkommend, wenn man einfach eine Gruppe hat von Leuten,
die alle in einem ähnlichem Stadium sind, karrieremäßig,
und man diesen Stress gar nicht hat, diesen Selbstbehauptungs- oder
Beweisungsstress. Sondern es gibt da nur eine Richtung und die ist
nach vorne. Hat
sich denn das Ensemble in eine bestimmte Richtung entwickelt?
Soundmäßig? Besetzungsmäßig? BJ
Also soundmäßig war es so, dass wir von Anfang an sehr
viel Wert darauf gelegt haben, dass die Besetzung erhalten bleibt,
dass wir kontinuierlich mit den Leuten zusammen arbeiten, auch damit
sich ein spezifischer Sound entwickeln kann. Und das hat es auch
getan über die 10 Jahre, die wir jetzt zusammen arbeiten. Das
ist uns nach wie vor sehr wichtig. Wir laden gerne Gastmusiker ein,
auch regelmäßig, das sind dann Leute, die uns vom
Instrumentarium her ergänzen. Ansonsten arbeiten wir in dieser
Besetzung. Das ist das eine. Und das andere ist, dass wir von Anfang
an sehr gerne experimentiert haben und spezifisch mit jungen
Komponisten gearbeitet haben und denen auch Möglichkeiten des
Ausprobierens gegeben haben. Das war in den Semesterkonzerten am
Anfang, und jetzt manifestiert sich das eigentlich in der
Open-Sources-Reihe, die wir jetzt seit drei Jahren veranstalten, wo
wir Komponisten die Möglichkeit geben, ganz eng mit den Musikern
zusammen zu arbeiten, über einen Zeitraum hinweg oder je nach
Bedarf. So haben sich auch dauerhafte Zusammenarbeiten ergeben, wie
beispielsweise mit Enno oder mit Orm oder anderen Komponisten, die
wir ganz am Anfang kennen gelernt haben und die uns eigentlich bis
jetzt begleiten oder mit denen wir bis jetzt zusammenarbeiten. ES
Zum Sound vielleicht noch was. Sound ist so ein schönes großes
Wort, das für den Musiker das A und O ist. Da gibt es die
Klangvorstellung, und Musiker, die ausgebildet sind an einem
Instrument, die werden ja nicht nur rein mechanisch, musikalisch,
sondern auch in ihrer Klangvorstelung geformt. Wir sehen das
Instrument erst mal in seiner Physikalität, und von daher sind
die Klangvorstellungen erst einmal Filter, die auf diese
Potenzialität, auf die durch die Physik gegebene Potenz des
Instruments gelegt werden, wo viel schon weg fällt.
Orchestermusiker, die praktisch ihr Leben oder teilzeitmäßig
im Orchester verbringen, bringen immer diese Klangvorstellung mit,
wie ihr Instrument zu klingen hat. Da sind sie sehr stark geprägt.
Das kann oft störend sein, wenn die dann andere Klänge
erzeugen sollen, die außerhalb dieser Klangvorstellung liegen,
obwohl die auch ganz einfach sind, also ganz einfach hervor zu
bringen sind. aber da merkt man, da ist eine Sperre im Kopf. Und wir
haben von Anfang an immer dran gearbeitet, diese kopfmäßigen
Vorstellungen zu bearbeiten bzw. zu öffnen. Und da ist die
Zusammenarbeit mit den Komponisten sehr wichtig. Weil die Komponisten
haben nicht unbedingt diese Klangvorstellung des geschulten
Instrumentalisten, sondern kommen mit einem Stück, dass sie eher
für die Physik des Instruments geschrieben haben, und das ist
eine gute Hilfe um weg zu kommen von diesem klassischen Bild des
Instruments. Und das prägt natürlich bleibend die
Fähigkeiten der Instrumentalisten, bestimmte neue oder außerhalb
der Klangvorstellung liegende Klänge hervorzubringen.
Gibt
es denn bei euch auch Mitglieder, die im Orchester arbeiten? Oder
macht ihr nur neue Musik? ES
Es ist schwierig, beides zu machen, auf Dauer. Wir haben aber jetzt
was vor mit dem Staatstheater Cottbus, dort mit den Orchestermusikern
zusammen, also da so einen Transfer zu bilden, also dass wir da so
ein bisschen dozentenmäßig agieren, das ist jetzt
genau, ganz frisch angedacht ... BJ ... noch ganz klein ... (lacht) ES
... aber mit dem dortigen GMD haben wir jetzt Kontakt und der ist
superinteressiert, das ist Evan Christ, und da merkt man wirklich
wieder ganz stark, was diese Vorstellung ist, Orchestermusik, wie die
Klarinette, die Flöte so klingen sollen. Und da gibt es ganz
viel zu tun, da kann man ganz viel Transferleistung bieten, mehr denn
als unter Neue-Musik-Musikern. BJ So wie wir arbeiten, muss man
extrem flexibel sein, und Leute, die in Orchesterjobs drin hängen,
das funktioniert einfach nicht. Andererseits funktioniert es im
Moment auch nicht, dass die Leute keine anderen Jobs haben, weil die
Fördersituation, wie sie im Moment ist, wir haben nur
Projektförderungen, und das ist ein Problem.
Weil
ihr keine Ensembleförderung habt. ES
Aber wir arbeiten jetzt dran.
BJ
Wir merken, dass es ein extremes Problem ist. Gibt
es Jahre, wo die Musiker nichts anderes tun, als für Mosaik zu
spielen? BJ
Das kommt auf das Instrument an.
ES
Bei mir hat es das schon gegeben.
BJ
Klavier und Cello, das geht. Und ich dadurch, dass ich über das
Ensemble-Management noch etwas verdiene. Aber ich habe auch meine
Unterricht-Jobs. Aber wir tragen uns hier schon sehr stark durch das
Ensemble. Cello könnte auch, aber der hat natürlich auch
haufenweise andere Jobs. Aber andere Instrumente wie Saxofon oder
Oboe ...
ES
... keine Chance. Was noch wichtig ist am Sound, also um den Sound
dreht sich eigentlich alles, da kann man alles dran festmachen, das
ist auch die Elektronik, also dass wir uns da, das ging uns gleich
mit Orm los, mit den Zusammenarbeiten, dass wir uns gleich mit
Elektronik beschäftigt haben. Also mit Synthesizern oder
sonstwas, Keyboards, Zuspielbändern, Live-Elektronik.
Der
Sound berührt die Frage der Interpretation. Und es hat sich ein
bisschen der Exekutions-Modus durchgesetzt. Also die Partitur so gut
wie möglich ausführen, und dann wird schon Musik entstehen,
weil der Komponist sich dafür verbürgt ... ES
... sind wir nicht schon längst wieder davon weg? Sind
wir das? Das frage ich mich. BJ
Ich finde ganz deutlich. Da hat ja in Donaueschingen im letzten Jahr
dieses Projekt stattgefunden, wo verschiedene Ensembles dasselbe
Stück aufgeführt haben, und ich war zwar nicht da, aber was
man drüber gehört hat, muss es extrem unterschiedlich
gewesen sein. Und wir hatten jetzt die Erfahrung, die für uns
extrem spannend war, dass wir zu Wien Modern eingeladen waren und da
das Klangforum im Programm gehört haben mit Salz, und das
war einfach extrem anders, dass es einen umgehauen hat, wie extrem
unterschiedlich man diese Stücke spielen kann. Und das war das,
was Enno eigentlich immer schon gesagt hat auch, wie unterschiedlich
das halt ist, aber der hat das halt als Dirigent vielfach erlebt,
wenn er die Stücke mit unterschiedlichen Ensembles gespielt hat,
aber ich fand das echt total spannend. In
Donaueschingen war es unfassbar, wie unterschiedlich es war. Und
insofern: sind wir da längst drüber hinaus? Ich glaube wir
sind gerade dabei. Oder ich als Außenstehender bin es.
Vielleicht ist man als Musiker involvierter und auch eher in der Lage
das zu überwinden oder ist auch in der Lage, zwei, drei, vier
Lesarten einer Partie anzubieten. ES
Naja, aber ich meine mit diesem Exekutions-Ding ... ...
das ist natürlich ein böses Wort, weil es nach "erschießen"
klingt. Es gibt diesen berühmten Satz von Joachim Kaiser, Glenn
Gould habe eine Beethoven-Sonate, die er offenbar nicht mochte,
"exekutiert". Und meint natürlich: den Notentext in
aller Härte ausgeführt. Aber eben auch: getötet.
ES
Für mich war das Ensemble Recherche immer das Ensemble der
Werktreue. Also das Referenz-Ensemble. Also wie ein
High-End-Verstärker. Referenz. Aber mit dem werktreuen Spielen,
da hat man sich auch mit der klassischen Musik ins Fettnäpfchen
gesetzt, also da hat man ja jahrzehntelang den Leuten gesagt, das
steht alles so im Text, also ganz positivistisch und gar nicht mehr
transzendent. Und Agogik war eine zeitlang, leider auch als ich
studiert habe, das war total verboten und so, auch wie man Bach
gespielt hat. Und das hat sich musikwissenschaftlich in die
Neue-Musik-Schreibweise, diese überdeterminierte Schreibweise,
transferiert, bis dann endlich Ferneyhough eigentlich kam und gesagt
hat, Leute, ich kann auch was ganz anderes schreiben. Und dann
spätestens da stellt sich ja die Frage nach dem Menschen, der
das spielt. Er hat die ja auf eine ganz verdrehte Weise gestellt und
hat dadurch aber auch wirklich infinitesimal wieder geöffnet
diesen Raum der Interpretation. Und gesagt: ich liefere dir das ab
und du musst dir den Arsch aufreißen, und das machst du
sowieso, aber ich zeige dir wirklich, dass du das machen musst. Und
das schreit dann ja wirklich nach einem Interpreten.
Interessanterweise
ja auf den ersten Blick nicht. Aber auf den zweiten Blick gibt es die
ganz klare Forderung, das zu musikalisieren. Das hat er mir auch
einmal gesagt, dass man ja Beethoven auch nicht so spiele, wie es im
Notentext steht, sondern es gibt noch etwas darüber hinaus. ES
Genau. Es gibt einen Code.
Gibt
es denn bei euch Agogik? ES
Ja. Natürlich.
BJ
Die bringt ja jeder mit.
ES
Ich denke da nur daran, wie Enno die 3/16-Takte in Salz
dirigiert.
BJ
Auch dadurch, dass wir schon so lange miteinander spielen, wird da
auch kaum mehr groß drüber gesprochen. Also manches wird
dann schon in den Proben diskutiert: ob das jetzt wichtiger ist oder
das jetzt wichtiger ist, oder welche Schwerpunkte man setzt. Aber
viel hat sich gemeinschaftlich entwickelt und wie man an etwas
rangeht. Ich meine, ein Notentext ist doch eher wenig festgelegt.
Jeder bringt etwas mit, gerade auch bei neuen oder unerfahrenen
Komponisten, da passt man als Instrumentalist doch noch eine ganz
Menge mit rein, und auch wenn die Komponisten dann bei den Proben mit
dabei sind, da bietet das Ensemble eine unheimlich starke Grundlage
für das Stück.
Da
gibt es schon eine große Kontinuität bei euch, oder? BJ
Extrem.
ES
Man muss sich auch immer überlegen, wie das mit der Vergötterung
der Komponisten ist, der Rolle der Komponisten, das ist ja auch sehr
fragwürdig. Also grundsätzlich die Rolle des Komponisten
als so eine Art Lichtgestalt hinstellen. Das ist in einzelnen Fällen
durchaus richtig, das gilt aber auch genauso für einige
Interpreten. Ich habe Hochachtung vor Leuten, die ein wirklich großes
Stück schreiben und das durchkonstruieren, und man merkt, dass
ist alles total durchwachsen, so wie ich Hochachtung habe vor
jemandem, der ein 600 Seiten starken Roman schreibt, an dem er zwei
Jahre sitzt und wo er nichts anderes macht. Das muss ich dann ehrlich
sagen, die Hochachtung kommt daher, dass ich merke, das könnte
ich nie. Spätestens nach vier Wochen würde ich es
hinschmeißen und irgend etwas anderes anfangen. Aber da muss ja
auch nicht so sein. Man kann ja auch anders komponieren. Man kann das
ja auch mit den Musikern gemeinsam entscheiden. Und das heißt
ja nicht, dass die Musik irgendwie schlechter ist.
Sie
ist anders. ES
Anders, genau. Und bestimmte Gefahren, dass es zu hermetisch ist, das
taucht gar nicht erst auf, weil es schon da kommuniziert wird, also
schon in der Entstehung gibt es eine Kommunikation. Open Sources.
BJ
Es gibt ja auch immer Notationsschwierigkeiten, wenn ein Komponist
sich was vorstellt oder ausdenkt, wie schreibt man das? Wenn er jetzt
nicht gerade da ist oder selbst wenn er da ist, hat ein Interpret
meist Vorschläge zum Klang an sich, also auch zur Notation, um
das übertragbar zu machen für andere. ES Den Klang an sich
gibt es nicht.
Gibt
es denn den Klang für sich? ES
Das ist aber eine ganz interessante Frage. Weil zum Beispiel Enno
spricht immer von Objekten. Von Klangobjekten. Das ist sein
Lieblingsausdruck. Also
eine punktierte Viertel, Gis, das ist ein Klangobjekt? ES
Ein Klangobjekt.
Aber
in der Realisation ist es dann ein Klang? ES
Aber selbst da ist es noch ein Klangobjekt, weil es ist etwas
Objektives, das der Musiker äußert. Das ist auch eine
tolle Betrachtungsweise. Das ist der Punkt, wo zwei Strahlen sich
treffen. Wie ein Hologramm. Es entsteht nur durch diese zwei
Betrachtungswinkel. Es ist eigentlich nicht da, das Objekt. Das ist
so eine Denkfigur, dass man das als Objekt wahrnimmt und dann
wirklich denkt, man schiebt Objekte hin und her.
Ist
Enno eigentlich festes Mitglied im Ensemble? ES
Ja. Also der kam im Jahre 2 dazu.
BJ
1998. Also zum Thema Interpretation: er ist als Dirigent eigentlich
wie ein Musiker eingeladen. Also das hat eine starke
Gleichberechtigung. Das wird in dem Zusammenhang auch viel
diskutiert, wenn Stücke geprobt werden.
ES
Und Enno hat ja auch eine eingebaute Agogik. (lachen)