Interview mit Carolin Widmann

Das Gespräch fand am 10. November 2008 im Hotel Sofitel am Dom in Köln statt, wo Carolin Widmann am Abend zuvor Ernest Chaussons Poème und Maurice Ravels Tzigane mit dem Orchestre National de Lille gespielt hatte. Gegenstand des Gesprächs sind musikalische Geschwisterpaare und das Verhältnis zu Ihrem Bruder Jörg.

Interview: Björn Gottstein. Abschrift: Martina Seeber.

Ihr Vater war auch Musiker?


Nein.


War er nicht Cellist?


Ja, aber er war nicht Berufsmusiker, er war Physiker. Aber mein Bruder war trotzdem sehr inspiriert von ihm, weil es der erste Celloeindruck für uns beide eigentlich war. Aber er hat nur am Hobby-mäßig am Wochenende eine halbe Stunde mal gespielt.


War es denn klar, dass Sie beide einmal ein Instrument spielen würden. Jörg ist der Ältere?


Ja.


Der hat wahrscheinlich zuerst ein Instrument gelernt. Und war das klar, dass Sie beide ein Instrument erlernen?


Es kam immer alles genau diese zweieinhalb Jahre versetzt. Wie wir auch auseinander sind. Dass es klar war, dass wir ein Instrument lernen, das war glaube ich nicht der Fall. aber Jörg war ziemlich früh fasziniert von der Musik, auch angeregt durch das Hobby-mäßige Musikmachen unserer Eltern, und dann wollte er beginnen und dann war es für mich völlig organisch und normal, dass ich auch will, aber was anderes will, als Jörg. Also jetzt mit Klarinette anzufangen, das hätte ich nie gemacht. Das sollte schon was sein, was ganz anders ist, als was der Jörg gemacht hat.

Haben Sie Hausmusik gemacht?

Ja. Viel. Viel sogar, also ich weiß noch, als ich kaum Noten lesen konnte, wirklich kaum Noten lesen konnte, sondern eher nach Gehör gespielt habe, da haben wir Haydn-Klaviertrios gemacht, damals noch mit Jörg am Klavier und meinem Vater am Cello. Und das war der große Ehrgeiz für mich, auch wenn das noch so langsam ging mit dem Notenlesen, einfach da diesen schnellen letzten Satz irgendwie hin zu bekommen. Ja doch, haben wir viel gemacht. Und auch in allen möglichen anderen Besetzungen. Jörg kann ja auch fantastisch Klavier spielen, wir haben als Kinder ganz viele Opern einfach nachgespielt mit allen möglichen Stofftieren, die dann die Charaktere waren, so Königin der Nacht war dann ein Schaf und Monostatos war der kleine Affe, den ich hatte. Also das hatten wir so richtig verteilt, die Rollen, und alles mögliche gesungen, gespielt. Tosca haben wir so gemacht mit Stofftieren, da war ich glaube ich 7 und mein Bruder 10 oder so. Also wirklich die frühere Kindheit.

Gab es auch ein Konkurrenzverhältnis?

Ich glaube nicht bewusst, und wenn dann nur ein sehr fruchtbares, würde ich sagen. Also dass ich irgendwie gesehen habe, was der Jörg schon alles kann und ich würde das auch gerne können. Bei der Geige dauert es ja ziemlich lang, bis man einen einigermaßen erträglichen Ton produzieren kann. Also das hat mich schon angespornt, zu sehen, der kann ja schon ein Stück spielen, wo es schnelle Läufe gibt, und das kann ich noch nicht, das möchte ich auch mal üben, dass ich das auch mal kann. Aber eigentlich Konkurrenz  so nicht. Und jetzt schon gar nicht. Jetzt sind wir einfach aneinander wahnsinnig froh, dass wir uns haben; wir können uns austauschen, für mich ist der Jörg einfach der wichtigste Kontakt, technisch ausgedrückt, und Mensch, menschlich ausgedrückt. Für mich ist es so wunderbar, jemanden an meiner Seite, so nah zu haben, und so nah, dass man keine Angst haben muss, alles zu sagen und total zu vertrauen, und dass wir uns einfach austauschen können. Wir sind sehr viel in Kontakt, am Telefon vor allem, weil wir ja beide viel unterwegs sind, und erzählen uns so viel. Erzählen uns wie es geht mit dem Beruf, der ja schon ziemlich verrückt ist, den wir machen, und es hilft mir einfach wahnsinnig, zu fragen, wie machst denn du das, wenn das und das auf der Bühne passiert, oder wenn man die und die Probe hat, und die Frage taucht auf. Wie geht man damit um? Wie schafft man es, eine Steigerung aufzubauen von dem und zu dem Punkt? Also es ist wirklich fantastisch, ihn da an meiner Seite zu haben. Für mich ist es toll und hilfreich.

Er mir hat mir einmal gesagt, alles was er über die Geige wisse, habe er von Ihnen gelernt. Fragt er Sie dann auch? Beeinflussen Sie sein Komponieren?

Ich glaube schon, ohne dass ich mir da eine zu große Rolle zuschreiben wollte, aber wir tauschen uns ständig aus. Und wenn wir dann in den jährlichen Weihnachtsferien, wo wir dann endlich wirklich mal zusammen sind, wenn ich übe, er kommt ständig ins Zimmer. Er ist ja auch ein wahnsinnig neugieriger Mensch und kommt rein uns sagt, wie geht das, wie funktioniert es, kann man da mal noch was ausprobieren. Also manchmal bis zum Rande dessen, was ich dann tolerieren kann (lacht) ehrlich gesagt, wenn ich weitermachen muss mit dem Uben und er eine Frage nach der anderen stellt. Auf der anderen Seite habe ich auch so viel gelernt: ja wie klingt es denn, wenn man mit dem Bogen über den Wirbel streicht? Da kommt ja ein Ton raus. Das wusst ich auch noch nie. Also ich habe da sehr viel gelernt. Und auch von diesen Extremen der Dynamik, dass er fordert, auch im Zusammenspiel, aber auch in seinen Kompositionen, dass man sehr genau beachtet, was dasteht, und wenn da ein vierfaches Piano steht, einfach das auch ausführt. Das ist sehr bereichernd für mich. Er ist einfach ein toller Musiker, nicht nur Komponist, nicht nur Klarinettist, sondern einfach ein toller Musiker, mit dem ich auch wahnsinnig gern auf der Bühne stehe. Das ist sowieso das Schönste für uns beide, glaube ich. Wir haben ja wenig Repertoire, wenig Repertoire für Geige und Klarinette, aber was wir haben, sind die großen Meisterwerke. so Messiaen Quartet, Strawinsky Geschichte vom Soldaten, Bartók Kontraste, Berg, das Adagio aus dem Kammerkonzert in dieser Triobearbeitung. Also es gibt fantastische, fantastische Stücke. Und wenn wir das dann zusammen spielen, das ist schon so vertraut, proben muss man gar nicht so sehr. Das geht so blind und wir müssen uns gar nicht anschauen auf der Bühne. Man spürt es einfach. Und so was gibt es nicht noch mal; und das höre ich auch von anderen Geschwistern in der Musik, dass das immer das Schönste ist in der Musik, dass man mit jemandem spielt, der blutsverwandt ist. Das spürt man.

Die Etüden hat er für Sie geschrieben?

Die dritte.

Nur die dritte. Aha. Und hat er die mit Ihnen zusammen geschrieben? Gab es da auch einen engeren Kontakt?

Da war der Kontakt wirklich ganz wahnsinnig eng, weil diese Etüde III tatsächlich in den Weihnachtsferien entstanden sind, wo wir endlich mal zusammen waren, und ich habe in meinem zimmer Isaye-Sonaten geübt und er kam rüber und hat sofort gefragt, wie funktioniert das, weil das ist so ein System das, Isaye erfunden, in Anführungszeichen, hat. Es geht darum, dass man das gleiche Pattern von Fingerkombinationen auf verschiedenen Saiten spielt. Das ist relativ einfach, hört sich aber wahnsinnig virtuos an. Aber darauf muss man natürlich erst einmal kommen. Insofern Isaye einfach ein großes Genie für mich, einfach auch für die Geigenliteratur. Gut und der Jörg hat das dann irgendwie erweitert, dieses System. Aber das war der Nukleus sozusagen. Und er hat das System dann erweitert auf größere Intervalle, kleinere Intervalle, kann man ja expandieren oder zusammenschrumpfen lassen auf den verschiedenen Saiten, natürlich in einem rasenden Tempo, und wollte er einfach die Schnelligkeit, die möglich ist, mal austesten in diesem Stück, und das ist wunderbar gelungen; es gibt noch ein fantastisches anderes Element, was wir beide sehr lieben, das sind diese Glissandi über die gesamte Geige, weil das gibt es ja sonst eigentlich nie. Also in der klassischen Literatur gibt's mal ein Glissando von g zu g, eine oktave zum Beispiel, sowas gibt's und wird schon höchst virtuos gesehen. Und wir haben das dann in so einer Spinnerei und Spielerei spät nachts bei mir im Zimmer bei meiner Mutter zu hause einfach ins Extrem getrieben. Er hat gesagt, wie weit geht den so ein Glissando. Und wir denken ja immer, es müsste dann auf einer Saite aufhören und auf der nächsten Saite entsteht so ein Loch praktisch. Aber das Loch kann man ausgleichen, indem man einfach an dem Ton weiter glissiert, an dem man aufhört auf der anderen Saite. Und so habe ich das ausprobiert und runter wieder genau das gleiche umgekehrt, und das klang unglaublich, also wie eine Geige mit einem Verzerrer so aus dem Heavy Metal oder so. Und das war so ein toller Effekt, dass er den auch noch eingebaut hat in das Stück; aus diesen Fingerkombinationen kommend geht es eben schleichend, schleichend langsam in diese Glissandi über und dann wieder zurück. Also das ist der Aufbau grob gesagt von der Etüde III, die ich sehr liebe.

Das heißt auf der tieferen Saite mit dem vierten Finger, auf der höheren Saite mit dem ersten Finger?

Nee. Ich habe das so entwickelt, hoffentlich hört man es nicht, dass ich eigentlich, weil der vierte Finger zu schwach ist, dann würde man immer hören, ah, das ist der vierte Finger und der ist schwach. Ich mache es mit dem ersten Finger und spring wieder runter so schnell wie es geht. Das ist natürlich total unorthodox, aber wir haben gerade gesprochen, inwiefern mich das Studium der Moderne auch für die klassische Musik beeinflusst. Also solche Fingersätze zum Beispiel, solche unkonventionellen Fingersätze, die ich aber um des Resultats Willen erfinde in der modernen Musik. Fingersätze wie erster Finger, erster Finger, erster Finger. Das würde man niemals denken, dass das in der Klassik funktionieren darf, das mache ich oft. Oktavsprünge mit 1-1 auf verschiedenen Saiten. Weil es dann einfach am besten klingt und das traue ich mich dann auch, weil die Moderne es mir beigebracht hat.

Man muss den Ton halt treffen.

Ja, aber das ist besser, wenn man es mit Überzeugung macht und dem Ziel, dass es so und so klingen muss, ist es mir lieber als ein sicher aufgesetzter dritte Finger, ach, der dann so brav dahinklingt. Also dann lieber volles Risiko, das sage ich auch meinen Studenten. Lieber volles Risiko. Das hört sich einfach besser an, und wenn es ein bisschen unsauber ist, korrigiert man so schnell, wie Heifetz das konnte, der hat ja irrsinnig schnell korrigieren können; und dann hat es auch keiner gehört. Also der Ton ist ja da, man muss ihn nur finden. (lacht)

Haben Sie eigentlich den gleichen Musikgeschmack?

Wie der Jörg? In vielerlei Hinsicht ja. Das hat sich immer sehr verändert im Laufe der Jahre. Also ich weiß noch genau, als wir Kinder waren, da gibt es ja für die Geige wahnsinnig viele Schmachtfetzen, Schnulzen und Wieniawski, Lalo und Sarasate und diese ganzen virtuosen Stückchen, die man natürlich als Kind gerne spielt. Und da hat Jörg total darauf herabgeblickt. Der war dann schon so 13, 14. Der fand das total inakzeptabel, dass man da so ein Showstück macht und so. Chopin fand er schrecklich. Dann dreht es sich irgendwann um, dass der Jörg so ein Virtuosenfanatiker war und ich konnte das nicht ausstehen. Aber inzwischen hat es sich so eingependelt, dass wir doch sehr viele Musik sehr lieben. Also das geht von Barock los, Matthäuspassion ist eines unserer beiden Lieblingsstücke, dann geht es weiter mit Mozart-Sinfonien, Haydn-Sinfonien natürlich. Er ist auch so vielseitig, der Jörg, und liebt so viele Musik, die französischen Orchesterstücke lieben wir. also Dukas und Berlioz und Varèse, Debussy, Ravel. Das ist einfach grandiose Musik. und Schumann lieben wir beide über die Maßen. Bei der Modernen diskutieren wir öfter, was wir gut finden oder nicht so gut finden. Ich glaube, dass es auch noch einmal ein anderer Blickpunkt ist, weil er Komponist ist. Ich bin der Interpret, ich möchte mir eigentlich kein Urteil anmaßen und muss auch oft Dinge spielen, wo ich mir nicht sicher bin, ob das ganz große Meisterwerke sind. Und muss es halt so sehr lieben, als wäre es mein Lieblingsstück. Da komme ich auch noch mal aus der anderen Warte vielleicht. Obwohl bei Jörg auch der Interpret und der Klarinettist vielleicht auch noch mal anders urteilen würde.

Also bei der modernen Musik ist es einfach so, dass man dieses Korrektiv der Geschichte nicht hat. Man wird damit konfrontiert und es ist schwer, Ausschlusskriterien zu finden.

Und soll man vielleicht auch gar nicht. Also ich wehre mich immer mehr dagegen. Sieist halt da, diese Musik, und ich bin da, sie zu interpretieren; und natürlich darf ich oder komme nicht umhin, mir ein Urteil doch ein bisschen zu bilden, aber es ist völlig unwichtig. Wirklich völlig unwichtig.

Ist das wirklich so unwichtig?

Ich glaube schon.

Man muss wahrscheinlich jeder Musik ihre Chance geben.

So ist es. Und es gibt so viele verschiedene Ansätze. Ich bin natürlich sehr in einer Tradition aufgewachsen, die hier in Deutschland immer noch vertreten wird und die mir einfach auch persönlich sehr nahe ist. Donaueschingen und Darmstadt, das sind schon die Orte, die für mich eine große Rolle spielen und wo die Leute herkommen, die ich mag. Auch von der Ästhetik her, die ich mag. Aber ich sehe auch, dass es einen ganz großen Kontinent da draußen noch gibt, wo Donaueschingen überhaupt nichts zu sagen hätte und die da müde lächeln und sagen, "ach die Deutschen, die spinnen da mit ihrer neuen Musik, das muss immer so und so sein." Also das gibt es schon auch, aber ich bin schon sehr Kind meiner Tradition, Kind meines Umfelds, in dem ich aufgewachsen bin, und das hat natürlich auch mit dem Jörg zu tun und mit den großen Helden, die wir damals in der Kindheit eben hatten. Stockhausen, Boulez, Nono, Maderna, das waren so die großen Namen, zu denen wir aufgeblickt haben.

Also schon in der Jugend auch?

Ja, absolut.

Das ist schon erstaunlich.

Ist es auch. Also ich weiß noch genau, ich habe mir Mantra glaube ich mit 13 gekauft. Das ging da so um den Dreh rum los. Als der Jörg auch ernsthaft begann zu komponieren und bisschen in die neuere Welt der Musik eingestiegen ist.

Um noch mal auf den Musikgeschmack zurückzukommen, gilt das auch für Popmusik und Jazz? Haben Sie da auch einen ähnlichen Geschmack, oder hören Sie das ohnehin nicht?

Doch, doch, hören wir beide. Immer seltener ehrlich gesagt, weil ich einfach merke, wie knapp die Zeit ist. Und wenn ich mal Zeit habe, dann will ich irgendwie noch einige der großen Meisterwerke der Geschichte entdecken, die ich noch nicht entdeckt habe. Bei Jörg ist es auch so geworden, dass er glaube ich, wir sprechen da nicht so viel drüber, aber ich glaube, er hört auch immer weniger Jazz und Pop. Das war mal so eine Zeit, als wir jünger waren. Aber inzwischen glaube ich, wenn er was anhört, dann auch sehr konzentriert. So geht es mir auch, das Leben ist so kurz, ich möchte nichts so im Vorbeigehen hören. Ich möchte einfach intensiv zuhören, wenn ich mal Musik höre. Weil es so ein Privileg ist. Ich höre es zwar jeden Tag, und jeden Tag gibt es noch Proben mit den Orchestern davor und danach, aber ich liebe das so sehr, mich noch rein zu setzen, zuzuhören, auch in der zweiten Hälfte des Konzerts, wenn ich Solist bin, so viele Solisten gehen ja dann heim. Aber das ist für mich das Schönste, wenn ich mich dann entspannen kann. Gestern war eben noch La Valse und Rhapsodie espagnol. Das ist toll. Ich meine, da kann ich so viel lernen davon.

War das eigentlich früh klar, dass Sie beide Berufsmusiker werden?

Ja, ich glaube bei Jörg sehr extrem, weil es auch bei ihm auch von der Ausrichtung so war. Also in der Schule hat er nicht so viel Interesse gehabt an den anderen Fächern, muss man ehrlich sagen, speziell an den Naturwissenschaften nicht. Bei mir war das ein bisschen anders, ich habe mich sehr interessiert für sehr viele Sachen und hatte mir eine Zeit lang noch vorgemacht, dass ich auch noch Journalist werden könnte und Architektin und das und jenes noch studieren wollte, aber das war eigentlich nur, um mir keinen Druck zu machen. Ich glaube, ernsthaft in Erwägung gezogen habe ich es doch nicht wirklich. Und schön, dass es auch so geklappt hat. Denn oft wünscht man sich ja so einen Beruf und man schafft es nicht oder es klappt einfach aus äußeren Umständen nicht. Insofern fühle ich mich privilegiert, dass dieser Traum, den ich hatte, auch wahr geworden ist.

Zumal als Solistin.

Und man kann es nicht planen. Man kann nicht sagen, da übe ich so und so viel, dann bin ich so und so gut und dann klappt es. Also das läuft ja nicht so.

Um noch einmal auf diese Entscheidung, Musik auch zu studieren, zurück zu kommen, die ist dann einfach so gefallen?

Ich kann mich ziemlich genau erinnern, wann dieser Punkt war. Obwohl ich mich nicht an einen Punkt erinnern kann, wo ich nicht Geigerin hätte werden wollte. Aber dieser Punkt, wo ich merkte, das ist Ernst. Erstens das ist nicht nur Spaß, es ist bitterer Ernst, ich muss wahnsinnig dafür ackern, aber ich freue mich, diese Arbeit zu leisten, damit ich dahin komme. Und das war, als ich 12 war. Ziemlich genau als ich 12 war, und zwar wurde ich vorbereitet von einem fantastischen Lehrer, Stefan Wagner, der heute Konzertmeister beim NDR in Hamburg ist, für die Aufnahmeprüfung in München als Jungstudentin. Ich hatte so ein Jahr bei ihm und er war ein ganz junger, frisch aus Amerika zurück gekehrter Geiger, der mir unkonventionelle Dinge, also für mich unkonventionelle Dinge, beigebracht hat, und einfach Repertoire, das ich bisher nicht gehört hatte, und Michael-Rabin-Schallplatten und so und Noten vom Flohmarkt in Amerika mitgebracht. Also das hat mich so fasziniert, und auch ihn spielen zu hören – das war wirklich dieser Lehrer, mit dem irrsinnig viel zusammenhing. Ich fuhr dann immer von München nach Stuttgart, und hab also mit 12 bei ihm ganzen Tag Unterricht gehabt, weil es uns beiden solchen Spaß gemacht hatte. Und ich kam heim abends um 9 oder 10 und habe noch geübt damals. Also das war ganz unglaublich, wie viel Eenergie da frei wird in dem Alter, wenn man das will. Und konsequent will. Und da habe ich einfach gearbeitet und auch nach der Schule sofort an die Geige, also ich konnte es überhaupt nicht abwarteten und es hatte mit diesem Lehrer zu tun.

Und viel weniger mit dem Bruder?

Bei ihm war das immer schon der Fall, da war gar nicht mal das Musikstudium das Ziel, sondern wirklich Musiker zu sein.

Eine letzte Frage. Wir haben über das Konkurrenzverhältnis gesprochen. Als Geschwister lebt man in einer gewissen bedingungslosen Liebe, gleichzeitig versucht man sich voneinander abzusetzen. Sie wollten auf jeden Fall ein anderes Instrument lernen als Jörg. Gab es auch Phasen, wo Sie etwas ganz anderes wollten?

Ich glaube, das gibt es bei allen Geschwistern, so was. Doch. Also für mich, das für mich Mich-Absetzen, dass wenn ich zum Beispiel irgendwo ein Konzert gespielt habe, ich nicht unbedingt Widmann spielen musste als neue Musik. Sondern dass ich auch mal was anderes spielen könnte. Für ihn umgekehrt auch, dass wenn man mal einen Geiger brauchte, muss es nicht unbedingt ich sein. Das vielleicht schon. Aber das ist auch gesund. Sonst würden wir ja nur zusammenkleben und das wäre auch nicht gesund. Ich habe das Gefühl, dass wir eine gute Mischung haben durch Zufall, nicht erstrebt, sondern weil es so ist, zwischen dem, dass wir uns haben und viel zusammen machen und uns vertrauen, aber auch ganz unabhängig sind. Das ist uns beiden, glaube ich, auch wichtig. Zum Beispiel auch so etwas wie gestern, das hatte mit meinem Bruder gar nichts zu tun, und das Orchester weiß vielleicht nicht einmal, dass er existiert. Und das ist wunderbar und das gibt es eben auch. Hier in Deutschland heißt es dann doch oft: sind Sie nicht die Schwester von ...? Und sie fragen Jörg aber auch: sind Sie nicht der Bruder von ...? Und dann ist es eigentlich schön ausgeglichen.